Soziodemographische Daten

Wieviele Musliminnen und Muslime leben in der Schweiz?

Ende 2018 lebten laut des Bundesamtes für Statistik 371’680 Musliminnen und Muslime in der Schweiz, dies entspricht einem Anteil von 5,3% der ständigen Wohnbevölkerung. Die Erhebungen erfassen Personen ab 15 Jahren, die einen Wohnsitz in der Schweiz haben und in einem Privathaushalt leben. Hochrechnungen gehen davon aus, dass eine zusätzliche Anzahl von ca. 110’000 Musliminnen und Muslimen im Alter von 0 bis 14 Jahren in der Schweiz leben (vgl. SZIG-Papers 4, Junge Muslime in der Gesellschaft: Partizipation und Perspektiven), so dass eine Gesamtzahl von ca. 480’000 Personen erreicht wird.

Im Zuge der oben beschriebenen Einwanderungswellen durch Gastarbeiteranwerbung, Familiennachzug und die Aufnahme von Flüchtlingen ist die Zahl der in der Schweiz lebenden Musliminnen und Muslime zwischen 1970 und 2000 stark angestiegen (siehe Tabelle 1 und Grafik 1). Ihr Anteil an der ständigen Wohnbevölkerung betrug im Jahre 1970 lediglich 0,2% (11’078 Personen) und stieg bis zum Jahre 1980 um das Dreifache auf 0,7% (34’476 Personen) an. Seit dem Jahr 2000 nehmen diese Anstiegsraten jedoch wieder ab. Der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt in den Jahren 2000 3,6%, 2010 4,8% und im Jahre 2018 5,2%; was eine prozentuale Steigerung um nur noch 18% zwischen 2010 und 2018 bedeutet.

Anteil der Musliminnen und Muslime an der Gesamtbevölkerung

Jahr Gesamtbevölkerung  Anzahl Muslime/innen %-Anteil
1970 4’575’416 11’078 0,2%
1980 4’950’821 34’476 0,7%
1990 5’495’018 86’898 1,6%
2000 5’868’572 210’580 3,6%
2010 6’519’253 315’923 4,8%
2018 7’084’068 371’680 5,2%

Quelle: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2016-2018.

Welche Nationalität haben die Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Musliminnen und Muslime mit Schweizer Staatsbürgerschaft

Die häufigste Nationalität unter Musliminnen und Muslimen in der Schweiz ist die schweizerische (2016-2018: ca. 35,7%). Zwischen 2000 und 2010 steigt der Anteil der Schweizerinnen und Schweizer unter den Musliminnen und Muslimen sprunghaft von 12,5% auf 32,5% an, seither stabilisiert sich diese Rate langsam. Die Entwicklung erklärt sich durch den relativ langen Zeitraum von 12 Jahren (seit dem erleichterten Einbürgerungsgesetz vom 01.01.2018: von 10 Jahren), innerhalb dessen eine Person in der Schweiz gelebt haben muss, um den Anspruch auf die Schweizer Nationalität zu erwirken. So verläuft der hohe Anstieg der Einbürgerungen zwischen 2000 und 2010 parallel zu jener Phase, in der besonders viele Migrantinnen und Migranten die Voraussetzungen hierfür erreichen. Dies betrifft vor allem die zahlreichen Kriegsflüchtlinge, die in den 1990er Jahren aus den Balkanländern in die Schweiz kamen (vgl. Iseni et al., 2014, S. 36).

Einbürgerungsraten – Das Ende des Röstigrabens

Bis vor wenigen Jahren war ein deutlicher Unterschied zwischen der Zahl der Einbürgerungen in der Romandie und der Deutschschweiz feststellbar. So lag die Rate der Schweizer Musliminnen und Muslime im Jahre 2000 in der französischen Schweiz mit 18,7% fast doppelt so hoch wie in den Deutschschweizer Kantonen (9,8%) (vgl. Gianni et al., 2010, S. 20). Diese Abweichung kann damit erklärt werden, dass in der Romandie viele Personen aus den Maghrebstaaten leben, die sich schon in den 1970er und 1980er Jahren in der Schweiz niederliessen und folglich um die Jahrhundertwende bereits eingebürgert waren (vgl. Ribbi et al., 2014, S. 57). Im Jahrzehnt der 2000er Jahre sorgt eine steigende Zahl an Einbürgerungen von Personen aus den Balkanstaaten für eine Verringerung der regionalen Unterschiede: Weil in der Deutschschweiz anteilsmässig mehr Personen aus der Balkanregion leben als in der Romandie, nähern sich die Einbürgerungsraten nun jenen in der Romandie an. Die Zahl der Schweizer Musliminnen und Muslimen fällt in den Jahren 2016-2018 in der Deutschschweiz mit 34% jedoch immer noch etwas tiefer aus als in der französischsprachigen Schweiz. Im Tessin liegt der Anteil von Schweizer Musliminnen und Muslimen sehr wahrscheinlich zwischen diesen beiden Zahlen, die Datengrundlage lässt jedoch keine verlässlichen Aussagen zu.

Konvertitinnen und Konvertiten

Schliesslich muss bedacht werden, dass sich in der Gruppe von Schweizer Musliminnen und Muslimen auch Personen befinden, die von einer anderen oder gar keiner Religion zum Islam konvertiert sind. Hier liegen nur grobe Schätzungen vor, vermutet wird ein Anteil von ca. 9.000-12.000 Konvertitinnen und Konvertiten.

Weitere Nationalitäten als Spiegel der Migrationsgeschichte

Ein Grossteil der Musliminnen und Muslime in der Schweiz sind noch immer ausländischer Nationalität: 64,3% von ihnen sind keine Schweizerinnen und Schweizer. Ihre Staatsbürgerschaften erklären sich durch die Migrationsgeschichte: Die zweitgrösste Gruppe bildet nach jener der Schweizer Musliminnen und Muslime die der Balkanländer, d.h. Personen mit Staatsbürgerschaft aus Bosnien, Albanien, Serbien, Mazedonien, Montenegro und Kosovo (zusammen 34,8%), die drittgrösste Gruppe ist die der Türkinnen und Türken (10,4%). Einen geringeren Anteil machen Personen aus weiteren EU- und EFTA-Staaten (4,8%), dem Nahen Osten (4,2%), Zentral- und Südasien (3,7%), dem Maghreb (3,2%) und subsaharischen Ländern (2,6%) aus.

Besondere Konstellation in der Schweiz

Das Gefüge aus Nationalitäten bzw. Herkunftsländern von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz stellt im Vergleich zu Konstellationen in vielen anderen europäischen Ländern eine Besonderheit dar, denn ein beträchtlicher Anteil stammt aus den Balkanstaaten. Personen aus arabischsprachigen Herkunftsländern haben anteilsmässig seit dem Jahr 2000 zwar ca. um das Dreifache zugenommen, bilden mit 7,9% (6,6% in der Deutschschweiz, 13% in der Romandie, s. unten) jedoch immer noch einen geringen Anteil im Vergleich zur Gesamtzahl an Musliminnen und Muslimen in der Schweiz.

Nationalitäten Musliminnen und Muslime in der Schweiz

Unterschiede zwischen den Sprachregionen

Die Verteilung der Nationalitäten ist in der Deutschschweiz etwas anders gelagert als in der Romandie: In beiden Sprachregionen leben hauptsächlich Musliminnen und Muslime mit Schweizer oder Staatsangehörigkeit eines Balkanstaates.

In der Deutschschweiz bilden Türkinnen und Türken die drittstärkste Gruppe und stellen einen deutlich höheren Anteil (13,8%) als in der Romandie (4,7%). In letzterer hingegen konstituieren Personen aus dem Maghreb und dem Nahen Osten die dritt- und viertstärkste Gruppe. Der Anteil der Maghrebinerinnen und Maghrebiner an der muslimischen Bevölkerung der Romandie ist mit 7,8% zwar immer noch gering, jedoch viermal höher als jener in der Deutschschweiz (2,2%). Die verstärkte Konzentration von Maghrebinerinnen und Maghrebinern in der Romandie wird zumeist damit erklärt, dass sie aufgrund ihrer Beherrschung des Französischen hier leichter Fuss fassen.

Im Tessin leben wie in der Deutschschweiz und der Romandie hauptsächlich Musliminnen und Muslime mit Schweizer Nationalität oder Staatsangehörigkeit eines Balkanlandes, über die Verteilung weiterer Nationalitäten sind aufgrund der ungenauen Datenlage keine verlässlichen Aussagen möglich.

Nationalitäten Musliminnen und Muslime Deutschschweiz

Nationalitäten Musliminnen und Muslime Romandie

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2016-2018.

Wo leben die Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Der Anteil der muslimischen Bevölkerung an der allgemeinen Wohnbevölkerung ist in der Deutschschweiz mit 5,6% nur leicht höher als in der Romandie (4,9%), jedoch deutlich höher als im Tessin (1,9%).

Anzahl der Musliminnen und Muslime nach Sprachregionen

Gesamtbevölkerung Muslime/innen Anteil Muslime/innen in %
Deutschschweiz 5’037’964 282’210 5,6%
Romandie 1’709’913 83’428 4,9%
Tessin 315’131 6’041 1,9%

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2016-2018.

Musliminnen und Muslime leben ferner im Durchschnitt weniger häufig auf dem Lande als die Schweizer Gesamtbevölkerung. Vielmehr konzentrieren sie sich in den Städten und in den urban geprägten Kantonen wie Basel-Stadt, Zürich, Bern, Aargau, St. Gallen, Waadt und Genf sowie in jenen, die seit dem Zweiten Weltkrieg stark auf den industriellen Sektor bauten und folglich viele Gastarbeiter anzogen wie St. Gallen, Glarus, Schaffhausen, Solothurn, Aargau oder Thurgau. Hierin spiegelt sich die Einwanderungsgeschichte der Musliminnen und Muslime wider, deren Familienväter während der Trente Glorieuses vor allem als Gastarbeiter zum Einsatz in der Industrie in die Schweiz kamen. Wo traditionell eher die Landwirtschaft im Vordergrund stand wie beispielsweise in Graubünden, dem Jura oder Wallis, sind die Bevölkerungsanteile von Musliminnen und Muslimen entsprechend geringer.

Anzahl der Musliminnen und Muslime nach Kantonen

Kanton Gesamtbevölkerung Muslime/innen Anteil Muslime/innen in %
Zürich 1’261’771 80’351 6.4%
Bern 866’007 35’270 4.1%
Waadt 652’435 32’936 5.0%
Aargau 565’764 37’728 6.7%
St. Gallen 422’600 31’780 7.5%
Genf 385’289 23’066 6.0%
Luzern 339’232 15’611 4.6%
Tessin 300’912 6’351 2.1%
Wallis 287’519 8’763 3.0%
Freiburg 259’778 10’326 4.0%
Basel-Landschaft 242’458 12’035 5.0%
Thurgau 230’783 14’857 6.4%
Solothurn 230’273 16’346 7.1%
Graubünden 169’268 3’692 2.2%
Basel-Stadt 163’051 13’031 8.0%
Neuenburg 146’334 6’675 4.6%
Schwyz 133’326 5’502 4.1%
Zug 105’326 4’577 4.3%
Schaffhausen 69’088 5’023 7.3%
Jura 61’140 1’992 3.3%
Appenzell A. Rh. 45’961 (1’331) 2.9%
Nidwalden 36’682 (978) 2.7%
Glarus 33’924 2’470 7.3%
Obwalden 31’548 (875) 2.8%
Uri 30’246 (576) 1.9%

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2018.

Für den Kanton Appenzell Innerrhoden liegen keine ausreichenden Angaben vor. Für die Kantone Ausserrhoden, Obwalden, Nidwalden, Graubünden, Tessin und Uri ist die Zahl der Befragten so gering, dass die angegebenen Werte stark abweichen können.

Wie viele Frauen und Männer zählt die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz?

Migration als Ursache für geschlechtsbezogene Unterschiede

Seit dem Ende der 1960er Jahre kommen viele muslimische Gastarbeiter zunächst ohne ihre Ehefrauen und Kinder in die Schweiz. Auch Frauen migrieren zwar bereits seit den 1960er Jahren in die Schweiz, jedoch viel seltener und hauptsächlich aus humanitären oder politischen Gründen. So zählt die muslimische Bevölkerung bis in die 1990er Jahre hinein weitaus mehr Männer als Frauen. Durch die Familienzusammenführung in den 1970er und 1980er Jahren, durch die Flucht vieler Familien im Rahmen der Jugoslawienkriege oder anderer kriegerischer Auseinandersetzungen in die Schweiz und letztlich auch durch die Gründung neuer Familien in der Schweiz unter Migrantinnen und Migranten zweiter oder dritter Generation, glichen sich die Frauen- und Männerquote immer weiter an. Zwischen 2016 und 2018 sind 53% der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz männlich und 47% weiblich.

Gender-Unterschiede nach Nationalitäten

Es sind jedoch Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationalitäten zu beobachten: Bei Musliminnen und Muslimen mit Schweizer, Türkischer sowie der Nationalität eines Maghreb- oder Balkanstaates reicht die Zahl der Frauen heute nahezu an jene der Männer heran. Dies sind zugleich die Personengruppen, die die grosse Mehrheit der Musliminnen und Muslime in der Schweiz bilden. Unter muslimischen Zuwanderern aus dem Nahen Osten, dem subsaharischen Afrika, den zentral- und südasiatischen Ländern, aber auch den EU und EFTA-Staaten ist der Anteil der Männer hingegen deutlich höher als jener der Frauen. Erklärungen hierfür liegen abermals in der Migrationsgeschichte begründet: Musliminnen und Muslime aus erstgenannten Ländergruppen haben sich mehrheitlich schon länger dauerhaft in der Schweiz niedergelassen und ihre Familien hier gegründet. Jene aus letztgenannten Ländern hingegen wandern noch immer häufig für kürzere Aufenthalte und folglich ohne ihre Familien in die Schweiz ein, – zum Beispiel zur Annahme einer weniger qualifizierten Arbeit oder auch zu Studienzwecken: Diese Personen sind meist männlich, weil es in vielen muslimischen Ländern sozial nicht akzeptiert ist, wenn Frauen ihren Wohnsitz alleine ins Ausland verlagern.

Anzahl Männer und Frauen

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2016-2018.

Wie jung sind die Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Das Alter im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung

Musliminnen und Muslime in der Schweiz sind im Durchschnitt jünger als die nichtmuslimische Landesbevölkerung. Im Jahre 2018 war jede achte Person der schweizerischen Gesamtbevölkerung zwischen 15 und 24 Jahre alt, unter den Musliminnen und Muslimen zählte hingegen fast jede/r fünfte zu dieser Altersklasse. Auch der Anteil der Personen im erwerbstätigen Alter von 25 bis 64 Jahren ist bei Musliminnen und Muslimen mit ca. 74,7% höher als jener in der Landesbevölkerung insgesamt (ca. 66,4 %). Besonders markant ist der Unterschied jedoch in der Gruppe der über 65-jährigen: Während unter den dauerhaft in der Schweiz lebenden Personen eine von fünf dieses Alter erreicht, so zählen unter Musliminnen und Muslimen nur eine/r von 18 Personen 65 Jahre oder mehr.

Warum sind Musliminnen und Muslime jünger?

Diese Abweichungen in der Altersstruktur liegen jedoch nicht etwa darin begründet, dass Musliminnen und Muslime besonders kinderreiche Familien gründen würden. Die gering ausfallende Zahl der muslimischen Seniorinnen und Senioren lässt sich vielmehr damit erklären, dass viele von ihnen sich noch immer dazu entscheiden, nach Beendigung ihres Erwerbslebens in ihr Heimatland zurück zu kehren. Für den tiefen Altersdurchschnitt ist jedoch auch die Tatsache verantwortlich, dass die Migrationsgeschichte von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz noch sehr jung ist. So kam ein beträchtlicher Teil von ihnen erst in den 1980er und insbesondere in den 1990er Jahren in das Land. Diese Personen waren oft noch jungen Alters und hinterliessen ihre Eltern und Grosseltern im Heimatland, während sie selbst in der Schweiz ihre eigenen Familien gründeten oder bereits mit ihren jungen Kindern kamen, die ihre Kinder später in der Schweiz bekamen oder noch bekommen.

Interessant wird es sein zu beobachten, ob und wann Musliminnen und Muslime sich auch im Rentenalter häufiger in der Schweiz einrichten. Weil immer mehr Musliminnen und Muslime in der Schweiz geboren und sozialisiert sind (dies betraf schon vor 20 Jahren jede/n dritten) (vgl. Schneuwly Purdie, 2010, S. 24), ist es nur eine Frage der Zeit, dass sich die Altersstruktur der muslimischen Bevölkerung an die der übrigen Landesbevölkerung angleicht.

Altersstruktur Muslime/innen und Gesamtbevölkerung

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2018

Welchen Bildungsstand haben Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Bildungsstand im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

Musliminnen und Muslime sind im Durchschnitt weniger gut ausgebildet als die Schweizer Gesamtbevölkerung. Noch im Jahre 2018 hatte eine von zwei Personen nur die obligatorische Schule oder ein Äquivalent im Herkunftsland besucht, etwas mehr als jede/r Dritte hatte die Sekundarstufe II abgeschlossen und ca. jede/r Siebte einen Abschluss auf Tertiärstufe (d.h. eine höhere Berufsausbildung oder ein Diplom einer universitären Einrichtung oder Fachhochschule) erworben. In der Gesamtbevölkerung sah diese Verteilung im selben Jahr ganz anders aus: Hier hatte nur ca. eine/r von fünf seine Ausbildung nach der obligatorischen Schule beendet, fast jede/r zweite die Sekundarstufe II erreicht und nahezu jede/r dritte besass einen Abschluss auf Tertiärstufe.

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2018.

Gründe für den niedrigeren Bildungsstand

Der Bildungsstand einer Bevölkerungsgruppe wird oft als Indikator dafür betrachtet, ob ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft gelungen ist oder nicht. In Bezug auf Musliminnen und Muslime in der Schweiz kämen diesbezügliche Bewertungen jedoch zu früh: Das insgesamt niedrigere Bildungsniveau ist hier in historisch-demographischen Faktoren begründet, die sich in den nächsten Jahrzehnten noch verändern werden. Ein Hauptgrund für die hohe Zahl an Musliminnen und Muslimen ohne Berufsausbildung oder Studium liegt in der Art der Migrationsbewegung. Viele von ihnen kamen und kommen – jeweils abhängig von Konjunktur und Interessen der Schweizer Wirtschaft – als Arbeitskräfte mit geringer Qualifizierung ins Land. Sie gehen zum Beispiel Tätigkeiten in Industrie, dem Bau- oder Hotelwesen nach, für die eine spezifische Ausbildung nicht unbedingt notwendig ist – obwohl ihre Einstellungschancen höher sind, wenn sie eine Ausbildung mitbringen. Über den zentralen Faktor der Migrationsgründe hinaus kommen für Einzelne auch andere Gründe zum Tragen: Beispielsweise Kriegsflucht, im Zuge derer sehr junge Personen ohne Ausbildung in die Schweiz kommen oder Lehre und Studium im Herkunftsland abbrechen müssen.

Tendenz zur Anpassung an den Bildungsstand der Gesamtbevölkerung

In den letzten Jahren ist eine deutliche Tendenz zur Anpassung an das Bildungsniveau der Gesamtbevölkerung zu beobachten: So nahm der Anteil derjenigen Musliminnen und Muslime mit obligatorischem Schulabschluss seit 2014 um fast 6% ab, während sich jener mit Abschluss auf Sekundarstufe II und mit Abschluss auf Tertiärstufe seit 2010 kontinuierlich um einige Prozent erhöhte. Weil in Zukunft ein immer grösserer Anteil der Musliminnen und Muslime in der Schweiz aufwachsen und sozialisiert werden wird, ist zu erwarten, dass sich ihr Ausbildungsverhalten weiter an jenes der nichtmuslimischen Bevölkerung in der Schweiz angleicht.

Entwicklung Bildungsstand Musliminnen und Muslime

2010 2014 2018
Obligatorische Schule 54.9% 54.4% 48.4%
Sekundarstufe II 29.8% 33.3% 36.8%
Tertiärstufe 8.8% 12.3% 14.7%

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2010, 2014, 2018.

Unterschiede zwischen den Sprachregionen

Dass jede/r zweite Muslim/in lediglich die obligatorische Schule absolviert hat, gilt für alle Sprachregionen. Bezüglich der besser ausgebildeten Personen zeigen sich jedoch Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Während zwischen 2016 und 2018 in den deutschen Sprachgebieten ca. 37% die Sekundarstufe II abgeschlossen hatten und nur 12,2% einen Abschluss auf Tertiärstufe besassen, so hatten in der französischen Schweiz 29,3% einen Sekundarabschluss II und 20% konnten einen Tertiärabschluss vorweisen. Für das Tessin sind keine verlässlichen Zahlen vorhanden, der Bildungsstand scheint jedoch eher jenem in der Deutschschweiz zu ähneln als jenem in der Romandie.

Unterschiede zwischen den Nationalitäten

Vergleicht man den Bildungsstand von Musliminnen und Muslimen unterschiedlicher Nationalitäten, so fallen noch grössere Unterschiede auf: Maghrebinerinnen und Maghrebiner sind beispielsweise am besten ausgebildet, was auch in ihrer Migrationsgeschichte begründet liegt: Sie kamen im Vergleich zu anderen Gruppen häufiger als politische Flüchtlinge, Studierende oder qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die Schweiz (vgl. Gianni, Giugni & Michel, 2015, S. 38). Mehr als eine von drei Personen kann ein abgeschlossenes Studium oder eine äquivalente Qualifikation vorweisen, dies ist weitaus mehr als bei den Schweizer Musliminnen und Muslimen (ca. eine von sieben Personen mit Tertiärabschluss) oder jenen aus den EU und EFTA-Staaten (ca. eine von vier Personen mit Tertiärabschluss). Personen aus den Balkanländern oder der Türkei hingegen haben im Vergleich hierzu viel seltener eine Ausbildung auf Tertiärstufe (ca. eine von vierzehn Personen aus den Balkanländern und ca. eine von 10 Personen aus der Türkei).

Musliminnen und Muslime aller Herkunftsländer weisen eine relativ hohe Quote an Personen ohne Berufsausbildung oder Studium auf, bei genauerem Hinsehen treten aber auch hier deutliche Unterschiede zwischen Personen unterschiedlicher Nationalitäten hervor: So besitzen 43,9% der Maghrebinerinnen und Maghrebiner in der Schweiz nur einen obligatorischen Schulabschluss. Bei Personen aus anderen Gebieten ist diese Rate jedoch noch deutlich höher: ca. 59,2% der Personen aus einem Balkanstaat, ca. 62,9% der Türkinnen und Türken und sogar ca. 68,8% der Migrantinnen und Migranten aus dem subsaharischen Afrika haben keine weiterführende Ausbildung. Hierfür ist einmal mehr der Bedarf an Arbeitskräften mit geringer Qualifizierung in der Schweiz verantwortlich, der für eine bis heute andauernde Immigration von Personen ohne Berufsausbildung sorgt.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Bildungssituation nicht pauschal beurteilt werden kann, sondern ihre Lage je nach Herkunftskontext und Migrationsgrund variiert.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Muslime sind in der Schweiz insgesamt etwas besser ausgebildet als Musliminnen. Sie haben häufiger Abschlüsse auf Tertiär- und Sekundarstufe II, während muslimische Frauen ihre Ausbildung öfters nach der obligatorischen Schule beenden. Der Unterschied im Bildungsstand zwischen Männern und Frauen variiert jedoch je nach Nationalität. Die zur Verfügung stehenden Daten zeigen beispielsweise, dass Musliminnen aus den Balkanländern und der Türkei einen niedrigeren Bildungsstand haben als jene aus der Europäischen Union oder den EFTA-Staaten. Im Vergleich zu muslimischen Frauen aus anderen Ländern weisen solche aus dem Maghreb zudem den höchsten Bildungsstand auf. Für diese Region ist die Quote an männlichen und weiblichen Personen, die gar keine Ausbildung besitzen, nahezu gleich. Während etwas mehr Männer einen Abschluss auf Sekundarstufe II haben, so sind jedoch deutlich mehr Frauen als Männer im Besitz von Abschlüssen auf Tertiärstufe.

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2016-2018.

Wie gut sind Musliminnen und Muslime in den Arbeitsmarkt integriert?

Der Arbeitsmarktstatus im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung

Im Jahre 2018 waren etwas mehr als die Hälfte der Musliminnen und Muslime in der Schweiz erwerbstätig und ca. jede/r dritte zählte zu den sogenannten Nichterwerbspersonen (d.h. Personen in Ausbildung, Hausfrauen und -Männer sowie Rentnerinnen und Rentner). Diese Zahlen entsprechen ungefähr jenen der Schweizer Gesamtbevölkerung. Auffällig ist jedoch die im Vergleich zu letzterer mit 7,3% mehr als doppelt so hohe Arbeitslosenquote von Musliminnen und Muslimen.

Gründe für die tieferen Einstellungsraten

In einer Studie, basierend auf den Daten der Erhebung zu Sprache, Religion und Kultur des Bundesamts für Statistik (ESRK, 2014), haben Anaïd Lindemann und Jörg Stolz (2018) verschiedene Faktoren für die schlechteren Einstellungschancen von Personen mit muslimischem Hintergrund identifiziert.

Die Autoren machen hierfür zu 38% das häufig geringer ausfallende Sozialkapital (Bildungsniveau, Sprachkompetenzen, soziale Netzwerke) dieser Personen verantwortlich. In Bezug auf den Faktor Bildungsniveau ist dabei interessant, dass insbesondere zwei Gruppen seltener eine Anstellung finden als die Gesamtbevölkerung: Musliminnen und Muslime, die lediglich einen obligatorischen Schulabschluss besitzen sowie Musliminnen und Muslime mit Abschluss auf Tertiärstufe. Für solche mit höherer Schulausbildung oder Lehrabschluss gilt dies nicht in gleichem Masse.

Lindemann und Stolz stellen zudem fest, dass der Migrationshintergrund den schlechteren Zugang von Musliminnen und Muslimen zum Arbeitsmarkt zu 43,6% erklärt. Dabei fällt nicht so sehr ins Gewicht, ob sie zu den Einwanderern erster, zweiter oder dritter Generation gehören. Eben so wenig fällt ins Gewicht, ob diese Personen die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzen oder nicht. Entscheidend ist vielmehr, aus welchen Regionen sie stammen: So haben Musliminnen und Muslime aus aussereuropäischen Kontexten eine weitaus geringere Chance auf eine Anstellung als solche, die aus einem europäischen Land in die Schweiz migrieren.

Schliesslich zeigen Lindemann und Stolz, dass die Religiosität (berechnet nach den Faktoren Gebetspraxis und Besuch von Gottesdiensten) hier nur zu 4,7% ins Gewicht fällt. Zur Messung lagen den Autoren hingegen keine Daten dazu vor, wie häufig Musliminnen im Rahmen ihrer Arbeitssuche benachteiligt werden, weil sie ein Kopftuch tragen. Berichte von Kopftuch tragenden Frauen weisen jedoch darauf hin, dass sie im Rahmen ihrer Arbeitssuche auf erhebliche Schwierigkeiten stossen.

Gesamtbevölkerung Muslime/innen Gesamtbevölkerung in % Muslime/innen in %
Erwerbstätige 4’359’547 208’760 61,5% 56,1%
Erwerbslose 218’328 27’018 3,1% 7,3%
Nichterwerbspersonen 2’506’193 136’540 35,4% 36,7%

Quelle der Daten: Bundesamt für Statistik, Neuenburg, SE 2018.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Die Anzahl der Erwerbstätigen und der Erwerbslosen ist unter muslimischen Männern deutlich höher als unter muslimischen Frauen. Ob muslimische Frauen zudem öfters einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen und Männer häufiger Vollzeit oder zu einem höheren Prozentsatz arbeiten, erlauben die uns vorliegenden Daten nicht zu sagen. Muslimische Frauen aller Nationalitäten sind jedoch deutlich häufiger nichterwerbstätig als muslimische Männer. Hieraus lässt sich eine Tendenz zu klassischen Familienmodellen schliessen, in denen Frauen häuslichen Tätigkeiten und der Kindererziehung nachgehen.

Arbeitsmarktstatus Muslime/innen

Unterschiede nach Bildungsstand

Der Arbeitsmarktstatus von muslimischen Männern ist im Vergleich zu jenem von muslimischen Frauen in allen drei Sprachregionen sehr ähnlich. Vergleicht man den Arbeitsmarktstatus von muslimischen Frauen unterschiedlicher Nationalitäten miteinander, so fällt jedoch auf, dass jene aus dem Maghreb und dem subsaharischen Afrika dreimal so häufig arbeitslos sind wie Schweizer Musliminnen und nahezu mehr als doppelt so oft wie Frauen mit Staatsangehörigkeit eines Balkanstaates und Türkinnen. Ähnliche Verhältnisse gelten bei den Männern gleicher Nationalitäten. Dies deutet auf eine Bestätigung der von Lindemann und Stolz aufgestellten These hin, dass Musliminnen und Muslime mit lediglich obligatorischem Schulabschluss (wie er unter Migrantinnen und Migranten aus dem subsaharischen Afrika besonders oft vorkommt) oder Musliminnen und Muslime mit Universitätsabschluss (wie Männer und insbesondere Frauen aus dem Maghreb ihn überdurchschnittlich oft aufweisen) besonders häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind, während solche mit Abschluss auf Sekundarstufe II leichter eine Anstellung finden.

Vielfalt muslimischer Praktiken und Überzeugungen in der Schweiz

Verschiedene Glaubensrichtungen

Musliminnen und Muslime in der Schweiz bilden keine homogene Gemeinschaft, sondern leben eine grosse Vielfalt an muslimischen Auslegungen und Verhaltensregeln. Das breite Spektrum an Interpretationen und Praktiken hat seinen Ursprung zunächst in den grossen Glaubensrichtungen, denen Musliminnen und Muslime auch weltweit zugeordnet werden: den sunnitischen, schiitischen, alevitischen sowie weiteren Formen des Islam.

Verlässliche Zahlen dazu, wie viele Musliminnen und Muslime in der Schweiz diesen Richtungen angehören, existieren nicht. Grobe Schätzungen berücksichtigen unter anderem die prozentuale Verteilung von Sunniten, Schiiten oder Aleviten in den Herkunftsländern und übertragen diese Aufteilung auf die in der Schweiz lebenden Musliminnen und Muslime aus den entsprechenden Ländern. Demnach leben in der Schweiz ca. 85% Sunniten, 7% Schiiten, 7% Aleviten sowie Anhängerinnen und Anhänger kleinerer Minderheiten wie beispielsweise der Ahmadiyya (vgl. Tunger-Zanetti & Schneuwly-Purdie, 2020, S. 626).

Zwei Aspekte müssen im Zuge dieser Zuordnung zu Glaubensrichtungen bedacht werden: Zum einen die Tatsache, dass Musliminnen und Muslime höchst unterschiedliche Entscheidungen darüber treffen, welche religiösen Vorschriften, Praktiken, Rituale und Glaubenssätze sie als sinnvoll erachten und tatsächlich umsetzen. In der Schweiz praktiziert Einschätzungen von Expertinnen und Experten zufolge nur eine Minderheit der Musliminnen und Muslime, die von sich sagen gläubig zu sein, ihre Religion im Alltag (vgl. Amélie de Flaugergues, 2014).

Zum anderen die in der Realität noch weitaus höhere Komplexität von Zugehörigkeiten: so können Sufis zugleich sunnitisch, schiitisch oder unabhängig von beidem sein; der schiitische Islam weist weltweit sowie auch in der Schweiz verschiedene Unterströmungen auf und innerhalb der sunnitischen Tradition zeigen sich zahlreiche interne Konfliktlinien sowie auch die Entstehung spezifischer, zum Beispiel ideologischer und/oder politisierter Strömungen.

Sunnitinnen und Sunniten

Mit 85% sind die grosse Mehrheit der Musliminnen und Muslime sowie auch der muslimischen Organisationen in der Schweiz sunnitisch. Die Bezeichnung «Sunniten» leitet sich vom arabischen Begriff Sunna her: Die Sunna (wörtlich «Brauch, Handlungsweise») bezeichnet die Gesamtheit der richtungsweisenden Aussagen und Taten des Propheten Mohammed und ist für Sunniten nach dem Koran die zweite zentrale Quelle des religiösen Norm- und Regelwerkes.

Im Zentrum sunnitischer Lehren und Praktiken stehen der Glaube an einen einzigen Gott  (im arabischen: Allah), an Mohammed als dem letzten Propheten, der den Menschen gesandt wurde, an den Koran als letzte und unverfälschte Offenbarung Gottes, das Jüngste Gericht sowie die fünf von jedem Muslim und jeder Muslimin zu verrichtenden Säulen: 1. Das Glaubensbekenntnis (schahada), 2. das fünfmal tägliche Pflichtgebet (salat), das Fasten während des Monats Ramadan, die soziale Pflichtabgabe (zakat) sowie die Pilgerfahrt nach Mekka (hadsch). In der sunnitischen Tradition haben sich zur Auslegung islamischer Normativität und Gesetzlichkeit vier Rechtschulen herausgebildet, die in verschiedenen Ländern jeweils unterschiedlich stark verbreitet sind: die malekitische (z.B. Maghreb), hanafitische (z.B. Türkei und Balkanländer), hanbalitische (z.B. Saudi-Arabien) und schafiitische (z.B. Ägypten oder Indonesien).

Schiitinnen und Schiiten

Schiitinnen und Schiiten machen 7% aller Musliminnen und Muslime in der Schweiz aus und stammen hauptsächlich aus dem Iran und Afghanistan. In der Schweiz gibt es rund zehn schiitische Moscheen.

Schiitinnen und Schiiten verehren insbesondere Ali als den ersten rechtgeleiteten Nachfolger Mohammeds und folgen neben dem Koran und der Sunna des Propheten mehrheitlich auch den für sie unfehlbaren Aussagen der ersten zwölf Imame (Zwölferschiitischer Islam). Schiitische Musliminnen und Muslime pilgern nicht nur nach Mekka, sondern auch nach Kerbela im Irak; zu dem Ort, an dem im siebten Jahrhundert n. Chr. der von ihnen verehrte Prophetenenkel Hussein von feindlichen Heeren getötet wurde. Neben den fünf Säulen, die in den schiitischen Richtungen ähnlich interpretiert werden wie in den sunnitischen, sind die sogenannten Ashura-Rituale ein wichtiges Zentrum und Spezifikum der schiitisch-religiösen Praxis: Während dieser einmal im Jahr stattfindenden Rituale werden der Märtyrertod Husseins und seiner Anhänger bedacht und beklagt.

Alevitinnen und Aleviten

Vermutlich sind ca. weitere 7% der Musliminnen und Muslime in der Schweiz Alevitinnen und Aleviten. Diese Personen kommen zumeist aus der Türkei, wo die grosse Mehrheit der alevitischen Gemeinschaften beheimatet ist. Viele Alevitinnen und Aleviten betrachten ihre Tradition als vom Islam unabhängige Religion, andere verstehen sie als eigenständige Konfession innerhalb des Islam und wieder andere sehen sie als Teil des Schiitentums. Alevitinnen und Aleviten glauben an einen Schöpfergott, an die Vollendung des Menschen, die sich unter anderem durch das Praktizieren humanistischer Werte vollzieht, und an Mohammed als den letzten Propheten. Ähnlich wie Schiitinnen und Schiiten lassen sie auch Mohammeds Cousin Ali eine hohe Verehrung zu Teil werden. Den Koran lesen Alevitinnen und Aleviten zumeist als einen historischen Text. Die Idee eines islamischen Rechtes, das zum Beispiel das Praktizieren der fünf Säulen vorschreibt oder Kleidungs- und Essensvorschriften macht, lehnen sie ab. Statt in Moscheen treffen sich Alevitinnen und Aleviten in sogenannten Cem-Häusern: Das Cem ist eine wichtige religiöse Versammlung mit Gedichtrezitation, rituellem Tanz sowie Unterweisungen in türkischer Sprache. In Glaubenssätzen und Praxis bestehen so grosse Unterschiede zu sunnitischen und schiitischen Auslegungen, dass Alevitinnen und Aleviten von schiitischen und sunnitischen Musliminnen und Muslimen oftmals als nicht zum Islam zugehörig betrachtet werden.

Andere Glaubensrichtungen

Ein kleiner Teil der Musliminnen und Muslime in der Schweiz gehört weiteren islamischen Glaubensrichtungen an. So finden sich unter ihnen zum Beispiel einige Anhängerinnen und Anhänger der Ahmadiyya, einer transnationalen Bewegung, deren Zugehörigkeit zum Islam von vielen Musliminnen und Muslimen nicht anerkannt wird. Andere praktizieren unterschiedliche Spielarten des Sufismus. Hierbei handelt es sich um einen innerlichen Zugang zum Islam, der in den in der Schweiz existierenden Gruppierungen entweder als Teil des sunnitischen Islam oder auch als vom Islam unabhängige Spiritualität betrachtet wird.

Die vier sunnitischen [glossary_exclude]Rechtschulen[/glossary_exclude]

Die hohe Diversität an muslimischen Auslegungen und Lebensweisen in der Schweiz kommt nicht nur durch die Zugehörigkeit zu den oben genannten Glaubensrichtungen zustande. Ein weiterer Faktor für unterschiedliche Praktiken und Regelwerke ist beispielsweise die Existenz vier verschiedener Rechtschulen im sunnitischen Islam. So gehören Musliminnen und Muslime aus den Maghreb-Ländern meist der dort vorherrschenden malekitischen Rechtschule an, jene aus der Türkei und den Balkanländern folgen hingegen der in ihren Ländern verbreiteten hanafitischen Tradition. Die heute in der Praxis existierenden Unterschiede zwischen den Rechtschulen sind gering. Details in der Ausführung der fünf Säulen, aber auch Vorgaben im Bereich der Eheführung, Familienorganisation oder anderen alltagsrelevanten Bereichen können in gewissen Punkten voneinander abweichen.

Die Umsetzung des [glossary_exclude]Islam[/glossary_exclude] im Herkunftsland

Weitaus wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer der Rechtschulen ist jedoch die Art und Weise, wie diese Rechtstraditionen im jeweiligen Herkunftsland implementiert und interpretiert werden. So sind Musliminnen und Muslime aus Bosnien, Albanien oder dem Kosovo an eine säkulare Gesetzgebung gewöhnt. Die vielfältigen Vorgaben des islamischen Rechts, beispielsweise bezüglich Heirat, Scheidung, Adoption oder Aufteilung des Familienerbes, sind ihnen teils kaum noch bekannt oder ohne praktische Relevanz. Im Nahen Osten und dem Maghreb hingegen sind diese islamischen Normen nicht nur auf verschiedene Weisen in die nationalen Gesetzgebungen integriert, sondern auch Gegenstand intensiver gesellschaftlicher Debatten. Musliminnen und Muslime aus diesen Herkunftsländern sind folglich viel umfassender mit der islamischen Rechtstradition konfrontiert und positionieren sich auch in der Schweiz zu ihnen: Sie vertreten dann entweder eine dezidierte Ablehnung der islamischen Vorgaben, oder sie suchen nach Möglichkeiten, sie im Rahmen des in der Schweiz gesetzlich Erlaubten umzusetzen, was eine Schneuwly & Stegmann (2018) durchgeführte Studie zur Umsetzung islamischer Erbrechtsvorgaben durch Musliminnen und Muslime in der Schweiz aus dem Jahre 2018 deutlich machte (vgl. ebd., S. 10).

Zum Schluss

Schliesslich darf der Einfluss kultureller und individueller Gewohnheiten auf die Gestaltung der Lebensweise von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz nicht unterschätzt werden. Religiöse Rituale, Feste, Überzeugungen und Verhaltensweisen sind immer auch von soziokulturellen, politischen und gar ökonomischen Bedingungen geprägt und mischen sich nicht selten mit nichtislamischen – kulturellen, gewohnheitsrechtlichen oder anderen – Praktiken. Geprägt durch die Situation in den Herkunftsländern unterscheidet sich die Ausgestaltung muslimischen Lebens in der Schweiz folglich auch in solchen Aspekten.

1. Datengrundlage

Für unsere Darstellung der soziodemographischen Daten zu Musliminnen und Muslimen in der Schweiz stützten wir uns auf Daten, die das Bundesamt für Statistik in Neuenburg öffentlich publiziert oder uns freundlicherweise zur Nutzung für die Redaktion dieser Webseite zur Verfügung gestellt hat. Unseren Auswertungen und Analysen liegen dabei unterschiedliche Erhebungen und Datenquellen zu Grunde:

  1. Zur Darstellung einzelner Daten wie beispielsweise der Anzahl an Musliminnen und Muslimen in den Kantonen legen wir die Strukturerhebung (SE) des Bundesamts für Statistik aus dem Jahre 2018 zugrunde. Zur Analyse der Entwicklung von Daten nutzen wir zudem bisweilen Daten aus den Strukturerhebungen 2014 und 2010. Die Strukturerhebung wird jährlich mit einer repräsentativen Stichprobe von 200‘000 Personen durchgeführt. Erfasst werden Personen der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren, die in einem Privathaushalt leben. Die Verwendung dieser Datenquellen ist unter den jeweiligen Textteilen, Tabellen und Grafiken mit SE 2010, 2014 und 2018 angegeben.
  2. Damit die Anzahl der Teilnehmenden ausreichend und die Stichprobe statistisch aussagekräftig ist, wurden zur Untersuchung spezifischerer Merkmale teils über 3 Jahre kumulierte Ergebnisse der Strukturerhebungen verwendet. In diesem Fall haben wir uns auf die von 2016-2018 erhobenen Daten gestützt und es unter den jeweiligen Textteilen, Tabellen und Grafiken mit SE 2016-2018 angegeben.
  3. Voneinander abweichende Zahlen sind auf die notwendige Verwendung dieser unterschiedlichen Datengrundlagen (kumulierte und nicht kumulierte Ergebnisse der Strukturerhebungen) zurück zu führen (siehe 1 und 2).
  4. Trotz der Verwendung kumulierter Daten ist der Stichprobenumfang (n) nicht immer gross genug, um statistisch verlässliche Aussagen zu machen und Erklärungen abzuleiten. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn verschiedene soziodemographische Daten gekreuzt werden (z.B. Alter, Bildungnsniveau, Nationalität). In unseren Analysen betrifft dies zudem vor allem auf das Tessin bezogene Daten. In unseren Darstellungen werden Daten zum Tessin folglich teils nicht genutzt oder die hieraus abgeleiteten Beschreibungen in Form von groben Schätzungen formuliert.
  5. Personen mit Schweizer und einer weiteren Staatsbürgerschaft werden vom Bundesamt für Statistik und folglich auch in unseren Erläuterungen nicht doppelt aufgeführt, sondern ausschliesslich in der Gruppe der Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft gezählt.
  6. Vereinzelt werden Ergebnisse der Statistik der Bevölkerung und der Haushalte (angegeben als STATPOP) verwendet, diese basiert auf einer jährlichen Registererhebung (Personenregister des Bundes, der Kantone und Gemeinden sowie Bundesregister der Gebäude und Wohnungen) und erfasst Personen der ständigen und nicht ständigen Wohnbevölkerung über 15 Jahre.
  7. Erwähnung findet an einer Stelle die Erhebung Sprache, Kultur und Religion (ESKR) 2014 des Bundesamts für Statistik. Basierend auf einer Stichprobe von 10‘000 Personen wird diese Erhebung seit 2014 alle 5 Jahre durchgeführt. Sie umfasst Personen der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren, die in Privathaushalten leben.

2. Zum Begriff Musliminnen/Muslime

In unseren Darstellungen der soziodemographischen Daten zu Musliminnen und Muslimen in der Schweiz verstehen wir unter Musliminnen und Muslimen diejenigen Personen, die in den Personenfragebögen der Strukturerhebungen 2010, 2014, 2016, 2017 und 2018 auf die Frage «Welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft gehören Sie an?» mit «muslimische» geantwortet haben. Die Antwort auf diese Frage erlaubt jedoch keine Rückschlüsse auf den Grad der Religiosität der Befragten. Die erhobenen Daten umfassen sowohl Personen, die beispielsweise in eine muslimische Familie hineingeboren wurden, jedoch weder gläubig sind noch praktiziert (für die die Religionszugehörigkeit aber weiterhin wichtig ist), als auch solche, die sich nach besten Kräften bemühen, nach den Vorschriften ihrer Religion, wie z.B. Gebet, Fasten oder Ernährung, zu leben.

3. Definition der Sprachregionen

 Für unsere Analysen verwenden wir zwei unterschiedliche Definitionen der Sprachregionen. Grundsätzlich legen wir eine Bestimmung der Sprachregionen zugrunde, die auf einer Zuordnung der Kantone in ihrer Gesamtheit beruht, d.h. einzelne Kantone wie z.B. Fribourg oder das Wallis werden nicht teils zur Romandie und teils zur deutschsprachigen Schweiz gezählt, sondern gehören aufgrund ihrer französischsprachigen Mehrheit zu ersterer. Diese Einteilung entspricht einer gängigen Unterscheidung, wie sie auch in den Medien reproduziert wird, beispielsweise in der Darstellung von Wahlergebnissen. Wir begründen sie jedoch vor allem damit, dass die im Weiteren auf unserer Homepage dargestellten Fragen der Religionszugehörigkeit und -Verwaltung kantonalen Regelungen (Art. 72 BV) unterliegen und von ihnen geprägt werden. Für die Darstellung islamischer Praktiken und Einrichtungen unter deutschsprachigen Muslimen im Kanton Fribourg ist es beispielsweise entscheidender, dass sie sich im Kanton Fribourg befinden und den dortigen rechtlichen Bestimmungen unterworfen sind als dass sie zur deutschsprachigen Sprachgemeinschaft gehören.

Die vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Daten legen hingegen eine Definition von Sprachregionen zugrunde, die auf der Zuordnung einzelner Kommunen beruht, so dass beispielsweise die Gemeinden des Wallis teils zur Deutschschweiz und teils zur Romandie gehören, während einige Berner Kommunen zur Romandie zählen. Wo uns keine anderen Daten zur Interpretation vorliegen, verwenden wir diese Definition der Sprachregionen, die jedoch nicht grundlegend von jenen nach oben beschriebener Bestimmung abweicht.

Wir bezeichnen als
italienischsprachige Schweiz: Tessin
französischsprachige Schweiz: Genf, Waadt, Wallis, Jura, Neuenburg, Fribourg
deutschsprachige Schweiz: alle übrigen Kantone

4. Definition der Herkunftsregionen

In unseren Darstellungen fassen wir jeweils unterschiedliche Länder zu übergeordneten geographischen Regionen zusammen. Wenn in unseren Texten von Nationalitäten die Rede ist, so wird nicht nach einzelnen Staatsangehörigkeiten unterschieden, sondern nach Gruppen von Staatsangehörigkeiten, z.B. „Muslime mit Nationalität eines Balkanstaates“. Zu den von uns berücksichtigten Herkunftsregionen zählen wir jeweils folgende Länder:

  1. Schweiz
  2. Maghreb: Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen
  3. Naher Osten: Ägypten, Libanon, Syrien, Israel-Palästina, Irak, Golfländer (-> Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, Katar, Bahrain, Vereinigten Arabische Emirate), Jemen, Jordanien
  4. Zentral- und Südasien: Iran, Afghanistan, Indien, Pakistan, Indonesien, Tadschikistan, Usbekistan, Russland, Bangladesch, Sri Lanka
  5. Balkanländer: Bosnien-Herzegowina, Albanien, Serbien, Mazedonien, Montenegro, Kosovo
  6. Türkei
  7. subsaharisches Afrika
  8. Muslime/innen aus EU- und EFTA-Ländern