Gesamtschweizerische Organisationen

In der Schweiz gibt es eine Reihe an muslimischen (Dach-)Organisationen, die schweizweit aktiv sind. Dazu gehören die sprachlich-kulturellen Dachverbände, deren Mitgliedsvereine aus verschiedenen Kantonen stammen, sowie die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) als nationaler Dachverband des organisierten Islam und dessen Mitglieder zumeist kantonale Dachorganisationen sind. Daneben gibt es einige weitere überregional tätige Vereine, die entweder zielgruppenspezifisch sind oder durch ihre als «liberal» bzw. «streng normativ» dargestellten Haltungen und Aussagen eine hohe mediale Präsenz erreichen. Die folgende Übersicht über die schweizweit aktiven Organisationen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS)

Der Bedarf an Koordination und Vertretung der muslimischen Vereine endet nicht auf der kantonalen Ebene. So wurde 2006 die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) als nationaler Dachverband gegründet. Die Mitglieder des FIDS sind nicht direkt die lokalen Vereine, sondern die kantonalen oder sprachlichen Dachorganisationen. Die FIDS hat einen Vorstand mit derzeit sieben Personen, welcher das regionale und verbandliche Spektrum der FIDS abbildet. Bei den Generalversammlungen hat jeder Mitgliedsverband ein Stimmrecht im Verhältnis zur Anzahl der von ihm vertretenen lokalen Vereine. Im Jahr 2020 umfasst die FIDS sieben kantonale und fünf sprachlich-kulturelle Dachverbände. Übertragen auf die lokale Ebene vertritt die FIDS durch ihre Mitgliedsverbände rund 200 lokale Vereine, von denen 170 über einen Gebetsraum oder eine Moschee verfügen (vgl. Schneuwly Purdie & Tunger-Zanetti, 2020, S. 659). Die FIDS ist damit die repräsentativste Organisation von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz. Als schweizweiter Dachverband fördert die FIDS in erster Linie die gemeinsame Interessensvertretung von organisierten Musliminnen und Muslimen und deren Anliegen gegenüber den Behörden und verschiedenen Institutionen in der Schweiz. Ausserdem repräsentiert sie die Dachverbände in der Öffentlichkeit etwa in der Form von gemeinsamen Stellungnahmen und arbeitet daran, die Beziehungen der Mitgliedsverbände untereinander zu stärken.

Seit dem Präsidentschaftswechsel im Jahr 2015 hat die FIDS ihre Aktivitäten ausgebaut und intensiviert. Die Organisation hat auch an Gewicht im medialen Diskurs gewonnen. Zum einen pflegt sie einen Pressespiegel zu aktuellen Ereignissen in Bezug auf Islam in der Schweiz. Zum anderen beziehen Vorstandsmitglieder regelmässig zu gesellschaftlichen Themen Stellung. 2017 rief die FIDS eine Antidiskriminierungsstelle in Leben, die eine App zur Meldung von Diskriminierungsfällen sowie eine Beratungsstelle betreibt. Eine Rechtsexpertin begleitet betroffene Personen und leitet sie an die zuständigen Behörden weiter. Gemäss der FIDS ergänzt dieses Angebot die staatlichen Dienstleistungen in diesem Bereich.

Die zweite nationale Dachorganisation Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS), die im Jahr 2000 gegründet wurde, ist mit wenigen Ausnahmen heutzutage kaum noch aktiv und vertritt auch keine kantonalen oder sprachlich-kulturellen Dachverbände mehr.

Sprachlich-kulturelle Dachverbände

Ein Teil der lokalen, meist sprachlich-kulturell organisierten muslimischen Gemeinschaften haben Dachverbände auf nationaler Ebene gegründet. In erster Linie sind sie Ansprechpartner für die ihnen angehörenden Gemeinschaften. Sie unterhalten teils intensive transnationale Beziehungen in die Herkunftsländer und zu den dortigen religiösen Autoritäten und Gelehrten. Da Imame nach wie vor meist aus dem Ausland stammen, sind diese Beziehungen überdies für deren Qualifizierung, Auswahl und Einstellung wichtig. Fünf der sprachlich-kulturellen Dachverbände sind Mitglied des nationalen Dachverbands FIDS. Im Gegensatz zu den kantonalen und nationalen Dachverbänden sind sie in Bezug auf die politischen oder gesellschaftlichen Anliegen, die sie betreffen, jedoch keine direkten Partner der Kantone und des Bundes. Sie beschäftigen sich jedoch ebenfalls mit öffentlichen Debatten und Fragen zu Islam sowie Musliminnen und Muslimen in der Schweiz. Manche dieser Dachverbände formulieren auch entsprechende Stellungnahmen.

Im Folgenden sei ein Überblick über die kulturell-sprachlich orientierten Dachverbände in der Schweiz gegeben: 50 der rund 75 lokalen albanischsprachigen Gemeinschaften sind im Dachverband der Albanisch-Islamischen Gemeinschaften in der Schweiz (DAIGS) organisiert. Diese ursprünglich 2012 gegründete Organisation fusionierte 2020 mit dem 2005 gegründeten Albanisch Islamischen Dachverband der Schweiz (AVIS). Die rund 20 bosnischsprachigen Gemeinschaften sind im Dachverband Islamische Gemeinschaft der Bosniaken (IGB) organisiert. Die türkissprachigen Gemeinschaften haben sich je nach Ausrichtung weiter ausdifferenziert: 46 lokale Gemeinschaften gehören der Türkisch Islamischen Stiftung für die Schweiz (TISS, gegründet 1987) an, die vom türkischen Staat unterstützt wird und bei der Rekrutierung von Imamen mit dem türkischen Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) zusammenarbeitet. Der Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ, gegründet 1979) betreibt 14 Moscheen und drei Schülerwohnheime. Der VIKZ weist ein stark orthodoxes Profil mit mystischen Elementen auf und orientiert sich an den Lehren von Süleyman Hilmi Tunahan (1888-1959). Die 16 lokale Gemeinschaften umfassende Schweizerische Islamische Glaubensgemeinschaft (SIG) steht der in Deutschland gegründeten und in einer politischen Islamauslegung wurzelnden Milli-Görüş-Bewegung nahe. Diese ist aus dem politischen Islam hervorgegangen, hat sich aber mit dem Generationenwandel stärker den Einwanderungsländern angenähert. Zudem gibt es einige weitere türkischsprachigen Gemeinschaften, die keinem dieser Verbände angehören. Die arabischsprachigen Gemeinschaften sind derzeit nicht in einem vergleichbar strukturierten Dachverband orgainsiert. Dieser 1997 gegründete Verein stellt ein überregionales Netzwerk dar, das besonders in der Westschweiz und im Tessin aktiv ist und arabophonen Musiminnen und Muslimen eine Stimme verleiht. Manche Führungs- oder einflussreiche Persönlichkeiten der LMS stehen ideologisch der Muslimbruderschaft nahe.

Young Swiss Muslim Network (YSMN)

Das Young Swiss Muslim Network (YSMN) ist eine von jungen Musliminnen und Muslimen gegründete Plattform zur Förderung des Austauschs und der Vernetzung. YSMN organisiert seit 2015 jährliche Treffen für muslimische Jugendgruppen und Studierendenvereinen aus der ganzen Schweiz. Zudem werden Workshops zu Themen wie Mediation und Konfliktbewältigung, Projektmanagement oder Medienarbeit sowie Kulturreisen angeboten. YSMN verfolgt das Anliegen, einen Beitrag in der Schweizer Gesellschaft zu leisten und Themen rund um den Islam sowie Musliminnen und Muslime vielschichtig zu diskutieren. Damit bringen die Beteiligten ihren Wunsch nach Partizipation und Teilhabe zum Ausdruck, die zentrale Elemente im aktuellen Diskurs rund um den Islam sowie Musliminnen und Muslime in der Schweiz darstellen.

Islamischer Zentralrat Schweiz (IZRS)

Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) wurde 2009 mitten in der Anti-Minarett-Kampagne von den beiden Konvertiten Nicola Blancho und Abdelazziz Qaasim Illi gegründet. Der IZRS umfasst rund 40 Aktivmitglieder, die sich in der Vereinsarbeit sowie in sozialen Netzwerken betätigen, sowie rund 4’200 Passivmitglieder ohne Stimm- und Wahlrecht. Nach der Annahme der Minarettinitiative profilierte sich der IZRS als Verteidiger der Rechte der Musliminnen und Muslime in der Schweiz und bemängelte zugleich das Schweigen der muslimischen Organisationen, insbesondere der Dachverbände. Ihre Gründer verfolgten die Absicht, die Stimme des Islams in der Schweiz zu werden. Sprachlich und medial gewandt wurden Vertreter des IZRS oft von den Medien eingeladen oder interviewt. Der IZRS weist neosalafistische Tendenzen auf und führte immer wieder kontroverse und provokative Aktionen durch, welche öffentliche Aufmerksamkeit erregten und dazu beitrugen, ein bestimmtes, stark von Konvertiten beeinflusstes Bild von Musliminnen und Muslimen zu prägen. Bis ins Jahr 2015 hatte der IZRS damit einen hohen Einfluss auf öffentliche Diskussionen, welcher seitdem aber stark zurückgegangen ist. Dies hängt auch mit verschiedenen Strafverfahren zusammen, welche die Bundesanwaltschaft gegen führende Persönlichkeiten des IZRS eingeleitet hat.

Das Forum für einen fortschrittlichen [glossary_exclude]Islam[/glossary_exclude] (FFI)

Das Forum für einen fortschrittlichen [glossary_exclude]Islam[/glossary_exclude] (FFI) wurde 2004 von Saida Keller-Messahli gegründet. Der Verein beansprucht für sich, «die Stimme der schweigenden Mehrheit» der Musliminnen und Muslime zu vertreten und sich für einen «liberalen» [glossary_exclude]Islam[/glossary_exclude] einzusetzen. Obwohl die Anzahl der Mitglieder des Vereins eher gering sein dürfte (nach eigenen Angaben rund 200 Personen), prägt dessen Präsidentin Saida Keller-Messahli durch zahlreiche Interviews und Fernsehauftritte den Diskurs zu Musliminnen und Muslimen in der Schweiz mit. In ihren Auftritten und Publikationen warnt sie vor allem vor radikalen Predigern und wirft Behörden eine gewisse Naivität im Umgang mit Imamen, lokalen muslimischen Gemeinschaften und muslimischen Dachverbänden vor.

Verein Offene Moschee Schweiz

Der Verein Offene Moschee Schweiz wurde 2017 unter dem Namen «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» gegründet. Der Verein mit seinen rund 15 bis 20 aktiven Mitgliedern strebt nach eigenen Angaben eine offene und inklusive Moschee an, in der das Geschlecht und die sexuelle Orientierung keine Rolle spielen. Zudem sollen Frauen und Männer nebeneinander beten und Frauen als Vorbeterinnen mitwirken können. Zwei solcher Gebete, die der breiten Öffentlichkeit zugänglich waren, wurden 2016 in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel und 2018 in der St. Anna-Kapelle in Zürich abgehalten. Überdies wirkt der Verein auch an interreligiösen Gebeten mit. Vorbild der Idee einer «Offenen Moschee» in der Schweiz ist die Inclusive Mosque Initiative (IMI), die in London entstanden ist. Einige solcher Initiativen wurden in den letzten fünf Jahren in Indonesien, Europa und den USA organisiert. Während die Initiantinnen und Initianten dabei meist die patriarchalen Strukturen in den muslimischen Gemeinschaften kritisieren, stösst ihr Angebot bislang nur auf eine begrenzte Resonanz. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Veränderung der Gebetspraxis viele Musliminnen und Muslime befremdet.

Literatur

Scharbrodt, O. (Ed.) (2018). Yearbook of Muslims in Europe. Leiden: Brill.

Scharbrodt, O. (Ed.) (2019). Yearbook of Muslims in Europe. Leiden: Brill.